Erzählcafés ‚Der Start ins Leben‘

zuhören, sich austauschen, voneinander lernen

Die Erzählcafé-Aktion am 13. Oktober 2015 in Ahrweiler

Erzählcafé Ahrweiler, 13.10.2015

Hier einige Zitate vom Erzählcafé ‚Der Start ins Leben‘ in Ahrweiler:

Arbeitsbedingungen von Hebammen im KH:

Im Krankenhaus sind viele Stellen nicht besetzt, die Überlastung ist groß, die Ärzte sind unter großem Druck und geben das an die Hebammen weiter, die Geburtshilfe kann nur unter schwierigen Bedingungen vor den Eingriffen der Geburtsmedizin verteidigt werden.
Kommentare:
„Die Ärzte haben keine Ahnung von Geburtshilfe. Sie kennen nur ihre Interventionsmedizin.“
„Auch in der klinischen Geburtshilfe könnte vieles verbessert werden.“
„Es muss schlimmer werden, damit was passiert.“
„9 Stunden rennen ohne Pause, ohne Essen und Trinken für DAS Geld!“
„Du siehst immer nur zu, dass es gerade so läuft.“
„Klar! Wir hätten viele Ideen.“
„Kreißsaalführungen sind reine Werbeveranstaltungen.“
 

Arbeitsbedingungen in der Vor- und Nachsorge:

Auch hier haben sich die Arbeitsbedingungen verschlechtert. Das Problem mit der hohen Versicherung belastet die Hebammen.
Häufig ist die Stillbeziehung schon gestört, weil die 3 Tage im Krankenhaus so vieles gestört haben. Es kann nur noch Schadensbegrenzung gemacht werden.
Außerdem ist die Nachsorge eine große Herausforderung für das Privatleben, da sehr zeitaufwendig, allgegenwärtig und finanziell nicht ausreichend.
Kommentare:
„Es läuft nie normal“ - Nachsorge als Einschnitt in das Privatleben.
„Die eigenen Kinder brauchen einen und das Telefon klingelt.“
„1979 gab es noch keine Nachsorgehebamme bei mir. Ich hätte sie mir gewünscht!“

Verantwortung, Schuld, Haltung zu Geburt:

Die Sicht auf die Geburt hat sich verändert. Verantwortung und Schuld stehen als Angstthemen ganz oben und wirken sich auf die Bedingungen aus.
Die Frauen bekommen häufig Angst gemacht oder suchen nach vermeintlich sicheren Bedingungen. Häufig können sie aus ihrer Angst heraus die Verantwortung für sich und ihr Kind nicht emanzipiert übernehmen. Viele Frauen bekommen schon in der ärztlichen SS-Vorsorge in beängstigende Situationen, weil der Arzt unbedachte Bemerkungen macht („Der Bauch des Kindes ist zu klein“, „Der zweite Zeh ist länger als der erste. Bitte lassen Sie das bei einem Spezialisten abklären“). Solche Äußerungen lassen sofort das Schlimmste befürchten und erfordern engmaschige medizinische Kontrollen, was die SS sehr belastet und eine natürliche und vertrauensvolle Sicht auf SS und Geburt, sowie Leben mit einem Kind erschwert.
Lehnen Frauen Routinemaßnahmen wie z.B. Glucose-Toleranz-Test oder häufige Ultraschalluntersuchungen ab, werden sie sehr schnell als schwierige Patientin eingestuft oder bekommen zu hören, dass sie ihr Ungeborenes gefährden. Dieses Argument bewirkt fast immer, dass Frauen doch unsicher werden und zustimmen. Selbst Hebammen, die selbst ein Kind erwarten und in diese Situation geraten werden dann häufig doch unsicher und müssen ihr eigenes Sicherheitsgefühl aktiv wieder herstellen.
Kommentare:
„Früher haben wir bei `komplizierten Frauen` gesagt: Das ist ne Lehrerin oder die hat nen Doppelnamen.“
„Früher waren die Frauen emanzipiert und feministisch, heute sind sie brav und angepasst.“
„Ich glaube, es gibt eine neue Welle von Frauen die um ihre Selbstbestimmtheit kämpfen.“
„Schuld und Verantwortung stehen über allem.“
„Das stärkste Argument ist, dass das Kind gefährdet ist. Das ist das größte Angstthema.“


Zukunft:

Erfreulich ist, dass das Geburtshaus in Bonn schon für die nächsten Monate ausgebucht ist.
Die Hebammen vermuten, dass die Situation sich noch verschlimmern muss, damit sich etwas bessert. Aber sie sind eher zuversichtlich, dass das geschehen wird, bedauern aber, dass vermutlich erst einmal Mütter und Säuglinge leiden werden.
Die (werdenden) Eltern sind immer noch die stärksten Motoren der Bewegung.
„Das Thema muss an die Schulen“, damit die zukünftigen Eltern schon gut informiert sind und ihre Wege mehr in Richtung Geburtshilfe gehen und sie sich sicherer sind.
Das Hebammenstudium könnte auch zur Verbesserung beitragen, da die Hebammen dann eigene Studien vorlegen und so evidente Ergebnisse zu einer natürlichen Geburtshilfe vorlegen könnten.
Das kann jedoch auch kritisch gesehen werden, da Hebammenarbeit Erfahrungswissen und frauliche Fähigkeiten erfordert und das wissenschaftliche Niveau oder die medizinisch-pathologisierende Sicht die eigentlich erforderlichen Fähigkeiten herabsetzen könnte.
Es gäbe noch so viel zu verbessern. Es bestehen schon so gute Ansätze, wie medizinische Eingriffe vermindert und natürliche Geburten gefördert werden können. Beispiele sind Ärzte, die in ihren Geburtsabteilungen Hypnobirthing-Methoden oder Doula-Begleitung eingeführt haben und damit ihre Sectio-Raten drastisch reduzieren konnten.
Das zeigt wiederum, dass eine angstfreie Geburt die sicherste ist und eine intensive und persönliche Hebammenbegleitung evtl. mit Beteiligung einer Doula zu guten Geburtsverläufen beiträgt und wieder mehr in den Fokus rücken muss.