Die Erzählcafé-Aktion

zuhören | sich austauschen | voneinander lernen

Auf Nummer sicher gehen...

...und dann kam Corona...“ 

Von Julia, Dez. 2020

Hätte man mir Anfang des Jahres 2020 gesagt, dass ich meinen Sohn wenige Wochen später zu Hause gebären werde, so hätte ich ihn vermutlich für völlig verrückt erklärt. Selbst eine ambulante Geburt war für mich ausgeschlossen. Schließlich will ich „auf Nummer sicher gehen“. Zwei Nächte im Krankenkhaus bleiben, für alle Fälle.
Und dann kam Corona. Und dann der Lockdown. Und dann hieß es, dass mein Mann nicht mit in die Klinik kommen darf.
Stille. Panik. Der 16. März 2020 wird uns allen in Erinnerung bleiben. Aber ich stand da, wie viele andere Frauen auch, mit meinem Babybauch und ET am Ende der Woche.

Ich hatte das große Glück, dass ich zwei Beleghebammen hatte. Die gleichen, die mich auch schon während der Schwangerschaft meiner Tochter fünf Jahre zuvor begleitet haben. Somit wusste ich zumindest, dass ich jemanden an meiner Seite haben werde, den ich kenne und dem ich absolut vertraue. Aber ohne meinen Mann?
Meine Tochter wurde per Kaiserschnitt geboren. Das war eine sehr schöne Geburt, aber dennoch nicht das Geburtserlebnis, auf das wir gehofft haben. Da unsere Familienplanung mit der Geburt unseres Sohnes eigentlich abgeschlossen ist, werden wir nicht nochmal die Chance haben, gemeinsam eine natürliche Geburt zu erleben. Also schlich sich langsam aber sicher der Gedanke an eine Hausgeburt ein. Gehört habe ich davon viel. Viele Frauen im Geburtsvorbereitungskurs haben bereits Hausgeburten erlebt und alle waren begeistert. Das Thema war nicht fremd, es kam bloß nie in Frage.

Ich habe mich also mit meiner Hebamme besprochen und mir von unserem Sohn eine Nacht Bedenkzeit erbeten. Sie hat mir Mut gemacht, dass wir das schaffen, der Kleine und ich.
Am nächsten Morgen bin ich aufgewacht und mir war klar, dass er zu Hause geboren wird und dass alles gut werden wird. Mein Mann war im ersten Moment ziemlich schockiert von meiner Entscheidung. Er war sehr ängstlich. Aber ich habe mich nicht beirren lassen und er hat es auch nicht versucht, sondern mir sein Vertrauen geschenkt.

Zwei Nächte später hat unser Sohn zu Hause das Licht der Welt erblickt. Es hat sich in der Nacht zuvor schon angekündigt. Während mein Mann und meine Tochter schliefen, habe ich alles für die bevorstehende Hausgeburt vorbereitet. Ich hatte leichte Wehen, die mich in Vorfreude versetzten. Ich war sehr entspannt und habe es genossen Handtücher und Bettlaken zurechtzulegen, Schüsseln zusammenzustellen und meine Wäsche für das Wochenbett zu richten.

Noch ein ganzer Tag verging, bis dann am nächsten Abend spät die Geburtswehen einsetzten.
Meine Hebamme war um ca. 2 Uhr bei uns zu Hause angekommen. Die Stimmung habe ich als sehr entspannt und intim empfunden. Das Licht war gedämpft, nur in wenigen Fenstern bei den Nachbarn brannte Licht. Ich drehte meine Runden in der Wohnung und habe meine Wehen veratmet. Mein Mann hat sich zunehmend entspannt. Konnte im Hintergrund alleine durch seine Präsenz für mich da sein. Schmerzen mache ich lieber mit mir selbst aus. Als die Wehen dann auf ihren Höhepunkt zusteuerten, hat meine Hebamme mit mir die Wehen „weggetönt“ - für mich eine unglaublich schöne Erfahrung und eine tolle Hilfe. Es lief alles perfekt. Ich war sehr bei mir und dem Baby, hatte vollstes Vertrauen und war einfach dankbar, dass wir das alles so erleben durften. Schon ganz früh habe ich mir Kinder gewünscht und ich wollte immer eine natürliche Geburt erleben. Ohne Schmerzmittel oder sonstige Eingriffe in den natürlichen Ablauf. Ich wollte einfach wissen, wie es ist. Und da war ich, in unserem Schlafzimmer, müde und erschöpft und habe nach wenigen Presswehen unseren Sohn geboren. Am frühen Morgen begleitet von Vogelgezwitscher, in heimeliger Atmosphäre, sehr intim und mit wundervoller Begleitung durch meinen Mann und meine Hebammen. Diesen Moment werde ich nie vergessen, ich war selbst ein bisschen überrascht, als er plötzlich da lag... der kleine Mann. Und wie sich alle gefreut haben, einfach toll.

„Wir schaffen das“ habe ich auf eine Karte geschrieben, die über meinem Bett stand. Immer wieder habe ich hingeschaut und ich habe sie lange stehen lassen. Bis die ersten drei Monate vergangen waren. Immer wenn ich so müde und erschöpft war, hat sie mich an diesen magischen Moment erinnert und mir Kraft gegeben. Unter normalen Umständen hätte ich die tolle Erfahrung einer Hausgeburt nicht gemacht. 

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